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Philip K. Dick

Blade Runner: Träumen Androiden von elektrischen Schafen?


 
»Blade Runner: Träumen Androiden von elektrischen Schafen?« von Philip K. Dick


Besprochen von:
 
D. Vallenton
Deine Wertung:
(3)

 
 
Blade runner gehört sicherlich zu den bekannteren Büchern von Philip Kindred Dick und sei es auch nur durch die kongeniale Verfilmung von Ridley Scott. Der Hauptcharakter ist Rick Deckard, ein Kopfgeldjäger in San Francisco. Seine Aufgabe liegt darin, flüchtige Androiden aufzuspüren und zu eliminieren. Eines Tages erhält er die Anweisung, sechs vom Mars geflüchtete Androiden des Nexus 6 Typs aus dem Verkehr zu ziehen. Deckard weiß es zwar noch nicht, aber dieser Job wird ihn verändern und ihn dazu zwingen, sich und seine Tätigkeit zu hinterfragen.

Auch wenn der vorliegende Roman oftmals als einer der besten aus Dicks Feder beschrieben wird, kann ich dem nicht so ganz zustimmen. Im Gegensatz zu der teilweise doch recht spannenden Verfilmung mit Harrison Ford, in dem das Gewicht eindeutig auf die Jagd nach den Androiden gelegt wird, kommt der Roman meiner Meinung nach nie so richtig in die Pötte. Vielleicht mag es an der etwas anstrengenderen Nebenhandlung liegen, in der sich Deckard immer wieder mit seinem Wunsch nach einem lebenden Haustier (diese sind auf der verstrahlten Erde fast ausgestorben), statt eines elektrischen Schafs auf der Dachterrasse, auseinandersetzen muss. Also nichts, das in irgendeiner Weise Spannung oder tieferes Empfinden bei mir erregen konnte.

Dick kann zwar mit einigen, für ihn typischen Erfindungen, der Stimmungsorgel und dem Mercertum, auftrumpfen, aber auch diese nutzen sich mit der Zeit ab. Anfangs noch irgendwie witzig, wenn seine Frau sich mit Hilfe der Stimmungsorgel in bestimmte Gemütszustände versetzt, so etwa mit dem Programm 888, das dazu anregt fernzusehen – egal was läuft. Oder dem Programm 382, das einen in selbstquälerische Depressionen versetzt – natürlich nur, wenn einem dazu zumute ist. Und wer sich zu nichts aufraffen kann, wählt einfach die 3, damit wird die Hirnrinde angeregt, etwas auf der Stimmungsorgel einzustellen.

Völlig irrwitzig, genau so, wie man es von Dick gewohnt ist und der keinen Augenblick verstreichen läßt, um uns vorzuführen wie idiotisch und manisch wir Menschen doch im Grunde genommen sind. Auch der Fernsehstar Buster Freundlich mit seinem Dauerprogramm oder das Mercertum, dargestellt durch einen alten Mann der in sackähnlichen Kleidern einen Berg raufmarschiert und von nicht sichtbaren Leuten mit Steinen beworfen wird und durch den die Menschen kollektiv gemeinsam fühlen, unterstreichen die hoffnungslose Zukunftsdystopie die Dick ein ums andere Mal seinen Lesern präsentiert. Ich kann mich an kein Buch von Dick erinnern, in dem er eine Zukunft beschrieben hat, in der ich gerne leben würde.

Das der mythische Mercer und sein fast schon religiöse Züge annehmendes Mercertum ausgerechnet durch Buster Freundlich als Fake entlarvt wird, passt irgendwie in das dick’sche Weltbild. Seine Beziehungen zu Gott oder öffentlichen Institutionen sind bei ihm ja bekannterweise etwas „pikant“ und seine immer wiederkehrende Thematik betreffs Wirklichkeit und Wahn, Einbildung und Realität, hat er für mich viel wundervoller in seinen Büchern Ubik und Eine andere Welt zu Papier gebracht. Doch obwohl Mercer nun als Scharlatan gebrandmarkt ist, hat das keinen sonderlich großen Einfluss auf alle Beteiligten. Das Mercertum ist halt eine tolle Sache für sie und manchmal ist es halt angenehmer, in einer schönen Wahnvorstellung zu leben als in der tristen und deprimierenden Wirklichkeit. Aber das kennen wir ja auch, nur bei uns Leseratten heißt es dann liebevoll Eskapismus.

Der zweite Protagonist ist John Isidore, ein sogenanntes Spatzenhirn oder Spezialer, der bei einem Intelligenztest durchgefallen ist und daher nur niedere Arbeiten verrichten kann. Er und Deckard sind Antihelden, die sich von ihren Stimmungen treiben lassen und eigentlich zu den Verlieren gehören. Ihnen obliegt es, auf der atomar verstrahlten Erde, mit einem Bleischutz für die Genitalien versehen, die Unordnung zu beseitigen, den die auf den Mars ausgewanderten Menschen verzapft haben, und in diesem Fall sind es halt sechs Androiden.

Wer jedoch meint, dass die Jagd auf die Androiden so abläuft wie im gleichnamigen Film zu sehen ist, irrt gewaltig. Die Jagd ist unspektakulär und genaugenommen sogar recht langweilig, denn die Androiden wehren sich nicht wirklich. In ihnen ist eine Art Sperre eingebaut, die sie in brenzligen Situationen teilnahmslos werden läßt und somit zu idealen Opfern macht. Deckard hat leichtes Spiel. Das Interessanteste an dieser „Jagd“ sind allenfalls die moralischen Bedenken und Skrupeln mit denen sich Deckard auseinandersetzen muss, denn dummerweise, ist eine der gesuchten Androidinnen das genaue Abbild von Rachael Rosen, also jenem Androiden, in den sich Deckard verliebt hat.

Am enttäuschensten ist jedoch, dass die mit Abstand schönste und emotionalste Szene des Filmes, in der Roy Baty Rick Deckard das Leben rettet und seine Tränen-im-Regen Ansprache hält, im Buch gar nicht vorkommt. Nach dieser Rede hört es im Film zu regnen auf und die Sonne bricht durch den wolkenverhangenen Himmel. Zumindest Ridley Scott gönnt uns hier eine kleine optimistische Aussicht auf die Zukunft, während Dick uns mit Deckard und seiner unechten Kröte in eine trost- und hoffnungslose Zukunft entlässt. Danke auch.

Zu der Neuübersetzung kann ich nicht viel sagen. Ich kenne nicht das Original und die alte Heyne Ausgabe, damals noch unter dem Titel Träumen Androiden von elektrischen Schafen erschienen, habe ich vor rund zehn Jahren gelesen und nicht mehr im Regal stehen. Ein Vergleich ist hier also schwer. Die neue Übersetzung von Manfred Allie macht aber einen ganz guten Eindruck, ist flüssig zu lesen und stilistisch ansprechend. Allerdings frage ich mich, warum man das Buch, wenn man schon eine Neuübersetzung anbietet, dann nicht auch konsequenterweise unter dem Originaltitel, den ich im übrigen viel schöner und passender finde, veröffentlicht. Oder gibt es an Träumen Androiden von elektrischen Schafen? etwas auszusetzen?

Fazit
Für mich sicherlich nicht der beste Dick Roman und verglichen mit dem Film schneidet er für mich sogar eher schlechter ab. Man muss ihn nicht gelesen haben, aber wer sich für Dick interessiert, wird um Blade Runner sicherlich nicht herumkommen. Es gibt eigentlich keine Stimmung in der man dieses Buch lesen sollte, dann wenn man ehrlich ist, ist es eine düstere, hoffungslose und deprimierende Geschichte die einem da serviert wird. Aber dennoch hat es seinen Reiz und so richtig kalt läßt es einen dann doch nicht, denn Deckards Suche nach einem lebenden Haustier hat durchaus etwas rührendes und menschliches an sich. Und das ist ja immerhin auch schon etwas. Kann ich das Buch empfehlen? Trotz allem – JA.
 
 
 


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